Sisyphos und der Winter

Ich muss immer wieder mit Enttäuschung feststellen, das die Rezeption von Camus Sisyphos viel zu flach ist und die Genialität dieser Metapher für das Leben nicht fassen kann. Daran sind zum einen der historische Kontext und zum anderen die Rezepienten schuld. Ich würde hier gern eine andere, tiefgreifendere Interpretation präsentieren und aufzeigen, wie vielschichtig die Figur des ewigen Steinewälzers ist und wieso Sie sich als ideal für Camus Philosophie gezeigt hat. Ebenfalls ergibt sich Sisyphos nicht einfach seinem Schicksal, wie man oft lesen muss. Camus ist kein Stoiker der einfach mehr Wert auf den Prozess als auf das Ergebnis legt.

Der Arbeiter von heute arbeitet sein Leben lang an den gleichen Aufgaben und sein Schicksal ist genauso absurd

Das Zitat von oben scheint Viele dazu verleitet zu haben Sisyphos als bloße Analogie von Monotonie zu sehen. Der Arbeiter ist genauso ein Steinewälzer der nie an ein Ende kommt. Dabei geht es um viel mehr als das. Jeder Mensch führt ein absurdes Leben bzw. ist ihm ausgesetzt und nicht nur der Arbeiter, welcher es durch seine Tätgikeit vielleicht nur offensichtlicher macht. Wir sind uns dessen nur oft nicht bewusst. Am Schicksal von Sisyphos wird das Absurde jedoch sofort greifbar. Nicht umsonst hat sich der Begriff der "Sisyphosarbeit" in vielen Sprachen verbreitet.
Es ist doch so: Sisyphos ist dort unten mit seinem Stein am Archeron. Er wurde dorthin verfrachtet und sein Stein und sein Berg sind das letzte was ihm nun bleibt. 
Was macht er nun? Er versteht sein absurdes Schicksal und gewinnt so seine Freiheit wieder. Sein Schicksal ist absurd weil der Stein nie liegen bleibt. Doch ist das wirklich so schlimm? Camus hat an Don Juan, dem Theater und dem Eroberer den absurden Charakter in Reinform präsentiert. Für Don Juan gibt es nicht die eine Liebe. Es gibt nicht die Frau, welche ihn für immer zufriedenstellt. Don Juan zieht von Frau zu Frau und liebt jede gleich stark, liebt immer wieder und wieder. Deshalb ist er ein absurder Charakter. Es gibt für Don Juan kein Ideal einer ewigen Liebe. Er kennt nicht die Liebe sondern nur die Leidenschaft. Diese wird immer wieder entfacht, bei jeder Frau. Don Juan lebt ein Leben der Quantiät nicht der Qualität. 

"Endlich" ruft eine. "Ich habe dir die Liebe geschenkt!" ist es verwunderlich wenn Don Juan darüber lacht? "Endlich? Nein, nur einmal mehr"

So lebt Don Juan sein Leben. Der Schauspieler verbringt sein Leben auch mit dem quantitativen Wiedererleben. Sein Ruhm schreibt Camus, ist der vergänglichste. Man stelle sich das Theater vor, wo der Schauspieler die Dramen und Schicksale der Menschen immer und immer wieder aufführt. Er tritt immer wieder vor die Leute und erntet entweder Applaus oder Spott. Wenn die Zuschauer weg sind, verbleibt nichts mehr. Er muss sich seine Bestätigung immer wieder holen. (Das gilt natürlich für das Theater und nicht für den Film, welcher aufgezeichnet wird. Es geht hier um den Idealtyp des Theaterschauspielers unter der Bestimmung der absurden Existenz) 
Das hebt ihn ab vom Schriftsteller der immer noch eine geheime Hoffnung hegen kann. Vielleicht wird jemand in Zukunft mein Werk anerkennen und es schätzen. Diese Möglichkeit besteht für den Schauspieler nicht. Deshalb gibt es für den Schauspieler nicht die eine Aufführung. Er muss immer wieder spielen für seinen Ruhm. Wenn er gut war tragen es höchstens die Menschen weiter, die der Aufführung beigewohnt haben. Diese erzählen es vielleicht Bekannten und Verwandten, aber damit kennt die Weitergabe des Ruhmes auch schon ihr Ende. Nach kurzer Zeit werden es Viele vergessen haben. 
Woher kann ich mir auch sicher sein, dass er wirklich so gut ist, wenn ich ihn nie gesehen habe? Der Platz im Theater ist höchst begrenzt. Beim Schriftsteller ist das Werk immer zugänglich, es kann seine Genialität oder Einfalt stets bezeugen. Diese Möglichkeit bleibt dem Schauspieler nicht. Er kann sich nicht auf seinen "Lorbeeren ausruhen".
Zwischen dem Ewigen und der Geschichte habe ich die Geschichte gewählt

Ähnliches gilt auch für den Eroberer. Er zieht von Land zu Land und erobert dort Ländereien. Macht sich die Erde sein. Doch der absurde Eroberer erobert nicht der Weltherrschaft willen, sondern des eroberns willen. Er will erobern und stets wieder neu erobern. Jedesmal wieder mit gleicher Heftigkeit. So wie Don Juan die Frauen erobert, eignet er sich die Landstriche an. Er hat die Geschichte gewählt und nicht die Ewigkeit. Es gibt nicht die Eroberung. In "Heimkehr nach Tipasa" zitiert Camus Napoleon der gesagt haben soll das es nur zwei Mächte in der Welt gäbe: das Schwert und den Geist. Auf Dauer würde der Geist das Schwert immer besiegen. Da Napoleon sich der Macht des Schwertes verschrieben hat und er weiß das diese nicht von Dauer ist, haben wir hier ein absurdes Wort.
Diese Geister vom Liebhaber zum Feldherren, vereint also die Ablehnung der Ewigkeit und das Leben unter dem Vorzeichen der Quantität. 
Wie steht es um Sisyphos? Für Sisyphos gibt es nicht das eine Hochrollen des Steinblocks. Es gibt nur ein ständiges Wälzen. Er stemmt den Stein nicht damit er liegen bleibt, sondern um den Stein zu stemmen. Das macht ihn absurd. Für ein eben solches Schicksal steht er. Er macht weiter weil die Verachtung ihm den Antrieb gibt. Er macht weiter weil er sich frei fühlt. Er macht weiter weil er wie die Anderen die Leidenschaft in seinem Herzen spürt. Sisyphos hat bei Camus ein absurdes Schicksal gewählt.

..dann muss ich sagen worauf es ankommt ist nicht, so gut wie möglich, sondern so viel wie möglich zu leben
Bei Don Juan versteht man am ehesten wo diese unbändige Leidenschaft herkommt. Er ist das Sinnbild des leidenschaftlichen Liebhabers. Doch woher nimmt Sisyphos seine Leidenschaft? Ich würde behaupten die Erklärung liegt in einem Zitat von Camus aus seiner Essay-Sammlung "Heimkehr nach Tipasa" und den Hinweisen zu Beginn des Abschnittes über Sisyphos. Dort schildert er dessen Leben in der Oberwelt und wie er zu seinem Schicksal kam. 
Sisyphos wurde von Homer als "weisester unter den Menschen" bezeichnet. Er war außerhalb seiner Rolle am Felsen vor allem als Schlitzohr und Genie bekannt. Als ihm sein Nachbar Schafe stiehlt, markiert er ihre Hufe und entlarvt so den Dieb. Er ist der Vater von Odysseus, welcher laut manchen Überlieferungen den Trojanern ihr Pferd bescherte. 
Camus erwähnt selbst seine Liebe zum Leben und seine Überlistung des Todes. Er verriet ebenfalls Zeus an den Flussgott Asopos. Dadurch konnte er der von ihm gegründeten Stadt Korinth Wasser bescheren. Damit zog er "Den Segen des Wassers den himmlischen Blitzen vor". Mit anderen Worten: Sisyphos liegt das Ewige fern.
Er entging ebenfalls zweimal dem Tod. Erst legte er Ihn in Ketten und beim zweiten mal befahl er seiner Frau seinen leblosen Körper nicht zu bestatten. Dadurch erlangte er von Pluto das Recht noch einmal auf die zurückzukommen um seine Frau zu bestrafen. Sisyphos blieb jedoch wie zu erwarten war auf der Erde und lebte noch einige Jahre bevor die Götter dem Frevler endgültig überdrüssig waren. 

Als er aber diese Welt noch einmal geschaut, das Wasser und die Sonne, die warmen Steine und das Meer wieder geschmeckt hatte, wollte er nicht mehr ins Schattenreich zurück 

Was sagt und das über Sisyphos? Er hat sich wenig um die Ordnung der Götter gekümmert. Er hat sich ihnen nicht gebeugt um das Leben führen zu können. Sisyphos hat nicht für die eine frevelhafte Tat gegenüber den Göttern gelebt. Er hat als Frevler gelebt. Er hat sie immer wieder hinter das Licht geführt. Auch der Sisyphos der Oberwelt ist also auf seine Art absurd.Vor allem hat Sisyphos die Leidenschaft kennengelernt. Wenn also jemand mit dem schweren Schicksal, den endlosen und vergeblichen Strapazen klarkommt dann er.
Er hat sich auch in die Welt verliebt und die Vorzüge der absurden Existenz kennengelernt. Laut Camus kann das Absurde wenn es erkannt wird jeden Augenblick in ein Wunder verwandeln. Es gibt der Welt das zurück was sie ist. Denn wenn sie unvernünftig und schweigend ist, darf jeder Augenblick das sein was er ist. Das ist die "zärtliche Gleichgültigkeit der Welt" die Meur Sault in seiner Zelle kurz vor seiner Hinrichtung erfährt (Der Fremde). Bei Sisyphos ist die Liebe zur Erde wie bei Camus selbst vor allem vom Mediterranen geprägt. Sisyphos kommt aus Thessalien, der Kornkammer Griechnelands mit endlosen Ebenen und einem Klima, welches das Getreide so sprießen lässt, dass man angeblich  das Weizengras in manchen Jahren stutzte damit das Korn nicht zu schnell zur Reife kam.
Camus schildert seine Verbundenheit in den Mittelmeer Essays. In seinem Vorwort zur Neuauflage der "Literarischen Essays", sagt er, das es eine Ungerechtigkeit gäbe, über die nur selten gesprochen wird. Es sei die Ungerechtigkeit des Klimas. Auf den Gestaden von Oran sei jeder Sommermorgen wie der ersten der Welt heißt es wieder in seinen Berichten über seine Heimat. 

Mitten im tiefsten Winter wurde mir endlich bewusst, dass in mir ein unbesiegbarer Sommer wohnt.


Dieses Zitat aus Heimkehr nach Tipasa ist durchaus bekannt. Trotzdem blieb unbemerkt, wie perfekt es zu der Sisyphosfigur von Camus passt. Der Grund warum das Leben von Sispyhos auf der Erde erwähnt wird liegt in genau diesen Zeilen. Es ist ganz einfach: Sispyhos hat seinen Sommer an der Oberfläche und seinen Winter in der Unterwelt. 
In der Unterwelt zehrt er von seiner Leidenschaft und der Liebe zur Welt. Das Götter gegen ihn sind und ihn bestrafen wollen, war bereits zu Lebzeiten der Fall. Sisyphos ist also geübt darin. Es ist nicht nur das Schauen der Welt, des Wassers und der Sonne, was den Sommer von Sisyphos ausmachen. Er macht aus dem Bewusstsein und seiner Leidenschaft eine Tugend. Eine Tugend des Absurden. Er hatte sich den Göttern eh schon abgewendet und alles was für ihn bedeutungsvoll war aus der Welt geschöpft. Damit macht er in der Unterwelt weiter. Diese Tugend, diese Fähigkeit ist der unverletzliche Sommer. Die Götter können ihm das Meer, den warmen Wind und die strahlende Sonne nehmen, aber seine Tugend bleibt unverletzlich.
Sie hat ihn bereits auf der Erde frei gemacht und wird es wieder tun. Er ist frei, weil er sich vom Ewigen freigemacht hat. Die Hoffnung darauf ist ihm fremd und so bleibt nur der Augenblick.

Darin besteht die verborgene Freude des Sisyphos. Sein Stein gehört ihm. Sein Fels ist seine Sache.

Fassen wir alles zusammen indem wir zum Bild von Sisyphos am Felsen zurückkehren. Der Archeron fließt unter ihm. Es ist dunkel. Sisyphos hat nichts als seinen Stein und diesen Berg, der ihm den Erfolg versagt.
Nun beginnt der Unterweltbüßer damit seinen Stein in Position zu bringen. Sein Körper spannt sich an. Er ist eins mit seiner Last. Das diese Anstrengung vergebens ist weiß er. Jedoch ist sie nur mit Blick auf die Ewigkeit vergebens. Doch das ist für den absurden Helden kein Problem. Er kennt dieses Streben ohne ende, die "Niederlage ohne Ende" (wie sie Doktor Rieux aus "die Pest" nennt) bereits. Aus diesem Grund richtet er seinen Blick auf das was vor ihm liegt. Es geht nicht mehr um den Gipfel, sondern um den Kampf gegen ihn. Es geht nicht darum oben anzukommen, sondern auf dem Weg das Funkeln des Berges und die zerklüftete Beschaffenheit dieses Felsblocks wahrzunehmen. Dazu gesellt sich die Leidenschaft der Anstrengung. Wenn sich die Muskeln anspannen und das Herz schneller schlägt, wird es nicht nur von dem Blut welches es pumpt, sondern auch von der Leidenschaft ausgefüllt.
Als er ankommt und der Stein zurückrollt weiß er das es wieder von vorn beginnt. Gleichzeitig ist es der Moment der Entspannung, ohne welchen die Anspannung in Marter umschlagen würde. Das er auf dem Rückweg erkennt, das er diesen Vorgang der ihn so ausfüllt immer wieder wiederholen kann, das ist der Sommer. Um das zu erkennen, musste er jedoch erst hier landen, im tiefsten Winter sein Schicksal fristen.
Seine Unvollkommenheit wird so zur Stärke. Denn dank ihr kann er immer wieder von vorn beginnen. Die Unvollkommenheit ist unser Anteil an der Unendlichkeit. Unsere eigene Endlichkeit macht sie jedoch erst spürbar. 
Deshalb ist Sisyphos glücklich. Das heißt ebenfalls nicht, dass er sich einfach abfindet. Er kämpft trotzdem. Er macht alles was er kann um den Stein wieder nach oben zu befördern. Das mag widersprüchlich klingen. Letztlich geht es aber vor allem darum, das sein Herz ausgefüllt wird und dies vermag genau diese Anstrengung zu bewirken. Desto besser und stärker er sich gegen den Stein stemmt, desto befriedigender ist seine Anstrengung. 

Es gibt kein Schicksal das nicht durch Verachtung überwunden werden kann

Es steckt kein stoisches Abfinden hinter den Mühen des Sisyphos. Er richtet sich zwar auf den Prozess selbst, jedoch verfällt er nicht seiner Monotonie. Dieser Gedankengang wird am besten an Doktor Rieux aus "Die Pest" deutlich. Rieux kämpft in einer von der Pest Heimgesuchten Stadt gegen die Seuche. Immer mehr Menschen sterben und unter ihnen auch Kinder. Als der Sohn des Richters stirbt, dessen Tod auf mehreren Seiten beschrieben wird, treten kurz darauf Rieux und Pater Paneloux, der Geistige des Ortes in ein Gespräch. 
Der Pater sagt Rieux, der den Tod des Jungen als Skandal empfindet, das man vielleicht lieben müsse was man nicht versteht. Er sieht den Tod des Jungen als Teil einer göttlichen Ordnung. Rieux erwidert aber "ich habe eine andere Vorstellung von Liebe und ich werde mich bis zum Tod weigern eine Schöpfung zu lieben die Kinder martert". 
Deshalb macht Rieux weiter obwohl er weiß das es eine Niederlage ohne Ende ist. Er verachtet den Tod des Jungen und deshalb nimmt er den Kampf weiter auf. Sisyphos verachtet die Strafe der Götter und deshalb rollt er weiter. Beide wissen um ihre Endlichkeit aber sie verfallen ihr trotzdem nicht. Man kann immer noch etwas an der Welt ändern. Rieux gibt alles was er hat um die Pest menschlicher zu machen. 
Auch die Verachtung ist natürlich ambivalent. So wie der Zorn über Ungerechtigkeit positives bewirkt, so ist es auch mit der Verachtung des Schicksals bei Doktor Rieux. Die Verachtung ist auch bei Sisyphos Stein des Anstoßes bzw. Anstoß des Steines.
Es gibt auch hier im persöhnlichen ein Ja im Nein wie beim Menschen in der Revolte. Der Absurde Mensch sagt "Ja" dazu, das er das Absurde nicht beseitigen kann. Trotzdem sagt er "Nein" zu den verachtenswerten Seiten der Welt. Er sagt "Ja" zur Leidenschaft, zur sanften Gleichgültigkeit, zum Wunder des Augenblicks. Er sagt aber auch "Nein" zum Hass, zum Tod und zum Leiden. 

"Was ich hasse sind der Tod und das Böse, das wissen Sie ja. Und ob Sie wollen oder nicht, wir sind zusammen da, um sie zu erleiden und zu bekämpfen." Rieux hielt Paneloux Hand fest. "Sehen Sie", sagte er und vermied es ihn anzusehen, "jetzt kann Gott selbst uns nicht trennen"
Rieux kämpft nicht gegen die Pest trotz der Niederlage ohne Ende, welcher er sich bewusst ist, sondern gerade wegen ihr. Für Ihn bleibt nur den Kampf aufzunehmen und seine ganze Aufmerksamkeit gehört seinem Handeln, seinen Möglichkeiten im hier und jetzt.
"..aber da die Weltordnung durch den Tod bestimmt wird, ist es für Gott vielleicht besser, das man nicht an ihn glaubt und mit aller Kraft gegen den Tod ankämpft, ohne die Augen zu diesem Himmel zu erheben, in dem er schweigt (Rieux)" 

Jeder Gran dieses Steines, jedes mineralische Aufblitzen in diesem in Nacht gehüllten Berg ist eine Welt für sich. Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen



Literatur (Alle Bücher sind von Albert Camus):
- Der Mythos des Sisyphos, Rowohlt
- Die Pest, Rowohlt
- Der Fremde, Rowohlt
- Literarische Essays, Rowohlt (enthält auch Heimkehr nach Tipasa)
- Der Mensch in der Revolte, Rowohlt 







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