Die Reaktion im 21. Jahrhundert

Was ist der Unterschied zwischen einem Konservativen und einem Reaktionär? Kaum war die Differenz so deutlich spürbar wie in letzter Zeit. Der Rechtstrend hat Gruppen und Parteien rechts von den etablierten konservativen Kräften geradezu sprießen lassen. In Polen und den USA sind sie bereits an der Macht. In den meisten Ländern des Westens sitzen sie bereits im Parlament und bekommen große Aufmerksamkeit. Dabei offenbart sich mehr und mehr, das wir es mit einer neuen Form von politischer  Reaktion zu tun haben.

Der Konservative will bestehende, funktionierende Strukturen erhalten, während der Reaktionär zum Alten zurück will, auch wenn die Rückkehr negative Auswirkungen hat

Der Konservatismus ist etabliert und bekannt. Es geht im Vergleich zum Progessivismus darum, Chancen im bereits Vorhandenen zu erkennen und zu nutzen. Funktionierendes soll bewahrt und für die Zukunft gesichert werden. Der Progressive erkennt eher Chancen in der Veränderung. Beide richten sich jedoch letztlich nach vorn und sind auf haben eine Verbesserung der gesellschaftlichen Zustände im Blick. Beide werden getrieben von der bestmöglichen Zukunft. 
Der Reaktionär wird ganz anders angetrieben. Sein Ausgangspunkt war historisch ein Privileg in einer alten Form von Gesellschaft. Die Treiber hinter der Reaktion zur Zeit der französischen Revolution hatte in großen Teilen eine privilegierte Rolle während der Monarchie. Diese Kräfte waren getrieben von der persöhnlichen Retrotopie, ihren alten Status wieder zu erlangen. Deshalb wurden sie zu "ewig Gestrigen"und reagierten so auf die Umwälzungen.
In  der Zeit in welcher die heutigen politischen Strömungen entstanden, da die feudalen Strukturen zerbrachen, speiste sich die Reaktion aus den Profiteuren des im Zerfall begriffenen Systems. 

Früher waren es die Privilegierten der alten Ordnung, heute viel größere Schichten, welche sich nach dem alten zurücksehnen

Im Feudalismus waren Wenige privilegiert. Es gab auch kein republikanisches Gefühl der Mitbestimmung und der Teilhabe großer Teile der Bevölkerung. Der "Dritte Stand", das waren fast Alle aber politisch bedeutet hat er nichts.
Heute sieht das ganz anders aus. Nicht nur die Privilegierten der alten Ordnung drängen dazu das Gestern wiederherzustellen, sondern große Teile der Bevölkerung haben sich dem Gestern, welches morgen werden soll verschrieben. Die soziale Marktwirtschaft konnte viele Menschen am Aufschwung teilhaben lassen und so wird die Mitte des letzten Jahrhunderts zusehends unter Einwirkung des standartmäßigen nostalgischen Glitzers zum Ort an dem sich Viele zurücksehnen. Die Zukunftsutopie eines Mercier wird so verkehrt und wenn er heute leben würde, müsste er ein Buch mit dem Titel: "Das Jahr 1964: Der Traum aller Träume" verfassen. Viele wollen heute einschlafen und damals wieder aufwachen statt in der Zukunft wieder zu Bewusstsein zu kommen.
Dies wird bedient von PiS, AfD, Trump und co. Sie greifen das verklärte Gestern auf und machen es zum Dogma. Zum reaktionären Dogma, welches oft genug jeden pragmatischen Anspruch verletzt.

Viele vermeintliche "Pragmatiker" sind Reaktionäre die den Wandel der Welt leugnen und so auch gegen wirtschaftliche und soziale Interessen handeln

In den oben geschilderten Kreisen gilt Kohle als Schick. Hat ja lange funktioniert. Gegen die Ehe für Alle zu sein gilt auch als schick. Die Begründung ist wieder die gleiche. Es hat ja damals funktioniert, wieso soll es dann nicht auch heute klappen? Rückzug aus supranationalen Gemeinschaften und zurück zum Nationalstaat. Das Europa der "starken Nationalstaaten" ausrufen. Die Begründung kann man sich denken. Das ist ein Teil des Sammelsuriums an Forderungen.
Auf den ersten Blick mag es vielleicht sogar als realistischer bzw. pragmatischer Standpunkt erscheinen. Erneuerbare Energien sind immer noch teuer und die EU befindet sich gerade eher im Sturzflug als im Höhenrausch. Wieso sollte es der Wirtschaft nicht gut tun wieder Zölle einzuführen und mehr Autarkie herzustellen?
Der einzige Grund wieso einige Argumente von Rechtsaußen erst einmal plausibel scheinen ist, das wir uns zur Zeit inmitten einer historischen Zäsur befinden. Alter Strukturen sind noch vorhanden und essentiell, während neue nachwachsen und zunehmend deren Rolle übernehmen. Das entscheidende ist, dass wir am jetzigen Punkt de facto beide benötigen. Der Austausch ist im vollen Gange und momentan können wir uns noch nicht von allem alten verabschieden, werden aber zunehmend von den neuen Strukturen in den Wandel getrieben.

Wir können im Moment weder komplett zurück noch den kompletten Sprung nach vorn wagen

Beispielhaft sieht man das an der Energiewende. Kohle, Gas und Öl sind noch essentiell um die Energieversorgung zu sichern. Sie dienen für die Grundlast und sichern das System in Phasen ohne Wind und Sonne. Trotzdem liegt der Anteil der Erneuerbaren in Deutschland bei über 20% der gesamten Stromerzeugung. Diese 20% sind ebenfalls nicht wegzudenken und noch entscheidender, ist dieser Sektor stark im wachsen begriffen. Ebenfalls ist es ohne Zweifel die Energieerzeugung der Zukunft.
Den Schritt zurück kann man also durchaus noch denken. Jedoch ist es längst keine nutzenorientierte Option mehr. Wir sehen das China sich den Solarmarkt aneignet und selbst enorm in neue Energiequellen investiert. Hiesige Photovoltaik Firmen sind von den günstigen Zellen aus China überrannt worden. Wenn es die Möglichkeit zum Schritt nach vorn gibt, wird ihn jemand machen. In diesem Fall war es jedoch nicht Europa oder die USA sondern China.
Ist es also wirklich eine kluge Strategie auf Kohle und co zu setzen? Die neuen Energieträger bieten besondere Möglichkeiten wie z.B. Autonomie von den großen Versorgern. In der Landwirtschaft wir deshalb die Biomasse geschätzt. Das ist ebenfalls in Polen der Fall, wo sich die PiS Regierung jedoch gegen eine Umstieg ausspricht. Dabei wäre es für viele ökonomischer von der Kohle wegzukommen. 
In den USA verlangen viele Firmen endlich nach sicheren Gesetzen in Bezug auf Umweltstandards, während Donald Trump diese Sicherheit ständig stört. Nicht einmal von wirtschaftlicher Seite steht ein großer Konsens hinter seiner Politik.
Etwas überspitzt ausdrücken kann man den Sachverhalt, wenn man Trumps Verschwörungstheorie, dass der Klimawandel ein Gerücht der Chinesen sei umdreht. Inzwischen wäre es plausibler, dass China den Mythos der "Klimaskeptiker" in die Welt gesetzt habe, um sich einen Vorteil gegenüber den USA zu verschaffen. Schließlich ist die Leugnung des vom Menschen verursachten Klimawandel ein starkes Argument für Akteure der neuen Rechten.
Es geht den Protagonisten der neuen Rechten Bewegungen nicht um eine realistische Politik. Es geht schlicht und ergreifend um die Idee, das ein Schritt zurück noch möglich ist. Dabei sind wir aber schon soweit nach vorn gelehnt, das wir schlicht umfallen wenn wir ihn machen würden. Stattdessen müssen wir versuchen so gut wie möglich wieder aufzukommen und einen sicheren Stand zu finden.

Das was realistisch, pragmatisch und nützlich ist, ist Zeit-relativ und nicht in Stein gemeiselt

Viele der Dinge die früher etwas für hemmungslose Idealisten waren, sind heute nicht mehr wegzudenken. Die Energiewende rechnet sich auf Grund sinkender Kosten in der Herstellung vielerorts auch ökonomisch. Die Ehe für Alle ist einfach nur logisch und eine pragmatische Lösung für Menschen die genau wie Mann und Frau zusammenleben und deshalb ebenso ein Anrecht auf gleiche Rechte haben. Wieso sollte man ein paralleles Gesetz aufrechterhalten, wenn es seit Jahrenzehnten ein anderes gibt, welches alle Probleme welche sich mit der Zeit aufzeigen bereits gelöst hat? Die eingetragene Lebenspartnerschaft war logischerweise ein viel schwächeres Gesetz als die klassische Ehe.
Ich will mich hier nicht von einem gewissen Idealismus distanzieren. Selber bin ich eher progressiv als konservativ. Doch gegen die Reaktion sollte sich jeder vernünftig denkende Mensch sein. Wer die Kräfte rechts des konservativen Diskurses mit trägt, soll wenigstens ehrlich sein und zugestehen, das er einer Retrotopie anhängt und aufhören seine Ansichten mit einem scheinbaren Pragmatismus zu rechtfertigen. Denn es sind die Reaktionäre des 21. Jahrhunderts die uns gerade begegnen. Wir stehen auch vor einem Wandel, allerdings vor einem globalen und auch ökologischen.


















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