Die Highlands Philosophie einer Landschaft - Teil 3

Die Äußeren Hebriden sind mehr oder weniger - irgendwo im Nirgendwo. Nur 27.000 Menschen tummeln sich auf den Inseln, welche ca. 50KM von der Westküste entfernt aus dem Atlantik emportsteigen. Noch weiter draußen gibt es sogar ein Vorposten der Inseln, das in den 1930er Jahren evakuierte St. Kilda. Die Bewohner mussten letztlich die Insel verlassen, weil ihr Überleben nicht mehr gesichert werden konnte.
Das stößt auf den Gedanken, wieso Menschen überhaupt in die Ferne streben. Um in die entlegenen Winkel der Erde zu gelangen, scheint kein Weg zu weit und keine Anstrengung zu schwer. Auch wenn die Umstände schwierig sind und die Siedler stark dezimiert wurden, hielten sie oft stand. In Zeiten weit vor Vebrennungsmotoren, Flugzeugen und Telekommunikation, fuhren Menschen auf einfachen Holzbooten zur See hinaus um neues Land zu finden, zu siedeln und etwas aufzubauen. Die Äußeren Hebriden sind natürlich nur ein kleiner Vorgeschmack, wenn man bedenkt, dass es in Neufundland Siedlungen der Wikinger gab.
Es existieren auch noch prähistorische Zeugen dieser vergangenen Zeit. Steinkreise und Überreste von "Brochs" also Behausungen aus der Eisenzeit, welche einst mehrere Meter hochragten und nur von Trockenmauern getragen wurden. Die Avantgarde der Zivilisation hat also auch hier ihre Spuren hinterlassen.


Festgesetzt haben sich die Eroberer der Inseln u.a. in der Stadt Tarbert, welche die Anlaufstelle für die Fähre von der Isle of Skye bildet. Vom Schiff aus wird man von den rauen und ganz ergrauten Felsen begrüßt die nur spärlich von der Vegetation bedeckt sind. Die Einheit die auf dem Festland herrscht wurde also gänzlich gebrochen. Zu sehr abgetrieben und in die Weite des Meeres gestrebt, ist dieser Vorposten des grünen Teppichs, der in manchen Teilen chancenlos gegen das Meer ist. Es gibt nur wenige Geschäfte in Tarbert und außer in Stornoway geht es so der ganzen Insel. Auch touristisch sind die Äußeren Hebriden noch eher unbekanntes Land. Nur Wenige zieht es so weit in den Norden. Es gibt zentrale Straßen, die die Inseln durchqueren und man trifft oft auf kleine Siedlungen. Die Inselwelt wirkt fast wie eine Miniatur.
Die Bewohner sind streng gläubig und der Sonntag ist ein konsequenter Ruhetag auf den Inseln. Alle Geschäfte haben zu, es fährt kein ÖVP und Alle finden sich zum Gottesdienst ein. Dieses Ritual konnte sich bis heute in der kleinen Inselgemeinschaft halten. Wenn die Landschaft abtreibt, eifert der Mensch ihr nach. Da draußen ist Zusammenhalt von großem Wert, vor allem in früherer Zeit. Schon die bloße Abgeschiedenheit von der Infrastruktur des Festlandes erfordert dies. Sicherlich generiert sich daraus ein "Zusammenhalt" den viele Bewohner grauer und anonymer Städte vermissen. Der Preis ist allerdings eine z.T. unangenehme Transparenz. Alles wird sichtbar wenn sich Alle untereinander kennen. Die Privatsphäre schwindet und kleine Ausrutscher können zu großer Ächtung führen. Man wird abhängig vom Anderen und die Urteile welche über die eigene Person gefällt werden, können schwer wiegen. Ins Extrem getrieben kann die Inselgemeinschaft zur geschlossenen Gesellschaft Sartres werden.
Vielleicht führt die Transparenz aber auch dazu, das man die Unvollkommenheit im Anderen und sich selber erkennt und die Urteile nicht immer nur schwer und vernichtend wiegen. Vielleicht kann sich ein tieferes Verständnis einstellen und man flieht dem Urteil des Anderen. indem man selbst aufhört ein eigenes aufzustellen und den Anderen aufzuerlegen. Wie es auf den Hebriden wirklich abläuft kann man nur wissen wenn man selbst dort wohnt und ich will den Bewohnern nichts unterstellen. Es sind lediglich Gedanken darüber, wie sich ein Leben in einer solch kleinen Gemeinschaft gestalten kann.
Meine Begegnungen waren nur spärlich und bestanden nur darin das mir eine Frau, welche ihren Hund ausführte zurief "What a lovely day", als ich bei strahlendem Sonnenschein die Insel querte. Als ich am Morgen des selben Tages aufbrach teilte mir ein anderer voller Freude mit "Enjoy your breakfast!". Die Hölle ist sicherlich etwas anderes und in Deutschland würde man solche Menschen wohl eher als Sonderlinge betrachten. Doch hier schien es sehr normal.


Das Bild der Insel selbst das geographische Ideal der Einfachheit. Warum?
Weil man auf ihr nicht anders kann als auf das zu achten was da ist. Auf der Insel wird man sich der Endlichkeit der Welt gewahr. Der Geist wird nicht abgelenkt von der Möglichkeit des Lebens weit entfernt. Die Küste ist nicht nur eine geographische sondern auch eine intelligible Grenze. Eine Grenze die allerdings keine Reibung erzeugt und an der man sich stößt, sondern eine Grenze die zurücklenkt auf das Vorhandene, was sofort erreicht werden kann. In einem solchen Umfeld fällt es einfacher in der Gegenwart zu leben und dem Hier und Jetzt die Achtung zu geben, der es gebührt.
Nicht schwer fällt es diese Achtung aufzubringen wenn man den Süden von Harris erreicht, wo sich die bekannten Strände befinden. Mitten im Norden strahlt der Türkisblaue Atlantik und der Strand liegt weiß und makellos da. Nur die kühlen Temperaturen und der Wind erinnern an die eigentliche Position auf dem Erdenrund. Die Karibik liegt nichteinmal auf der anderen Seite des Meeres. An diesem anderen Ufer des Großen Teiches befindet sich stattdessen Kanada. Es ist also wahrlich eine Laune der Natur hier auf eine solche Landschaft zu stoßen.


Weiter im Norden der Inseln, auf Lewis, finden sich eher typischere Stätten und Landschaften. Hier kann man Spuren der ersten Einwohner betrachten, welche große Steine in Bewegung setzten. Die "Callanish Stones" gelten als das Stonehenge des Nordens. Zu kultischen Zwecken wurden die Steine wie Tafeln aufgestellt und weisen so in 4 Richtungen von einem Zentrum weg. Scheinbar schien keine Anstrengung zu groß um den Göttern einen Dienst zu erweisen. Vielleicht war es auch gerade die Abgeschiedenheit und die Schwere des Lebens, welche die Steine in Bewegung setzten.
Auf Lewis befindet sich auch die Hauptstadt der Inselgruppe Stornoway. Die größte Siedlung ist gleichzeitig die gewöhnlichste. Hier ist Alles wie man es kennt. Für mich war es vor allem eine Transitstation. Von Stornoway fährt eine Fähre nach Ullapool auf dem Festland.


Doch bevor  alles ein Ende nahm,  ging es noch den Küstenweg auf Lewis entlang. Mit den Bildern von dort will ich schließen.












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