Kierkegaard und Camus

Dänemark und Algerien haben nicht viel gemein. Dänemark ist das kleinste der skandinavischen Länder. Das Klima ist zwar noch gemäßigter als bei den nördlichen Nachbarn, aber trotzdem spürt man das es kühler wird. Hier fühlen sich eher Trolle und Wikinger als Don Juan wohl. Algerien hingegen ist ein riesiges Land am Mittelmeer. Im Norden Afrikas gelegen,  nimmt die ehemalige französische Kolonie eine große Fläche ein, welche auch von scheinbar endloser Sandwüste geprägt ist. Es ist der Gegensatz zwischen Mediterran und skandinavisch, welcher den Gegensatz zwischen den beiden Nationen fasst.
Was allerdings viel faszinierender ist, ist die Tatsache, das man diesen natürlichen bzw. geographischen Widerspruch auch kulturell fassen kann. Anhand zwei bedeutender Denker dieser Nationen, zeigt sich ein Gegensatz, der ganz ähnlich dem geographischen deutlich gemacht werden kann.

Auf diesen Gestaden von Oran sind alle Sommermorgen wie die ersten der Welt - Camus

Albert Camus und Sören Kierkegaard sind durchaus nicht komplett verschieden. Kierkegaard gilt schließlich als Urvater der Existenzphilosophie, welcher auch Camus gern zugerechnet wird. Camus selbst würde dem allerdings widersprechen. Er sah sich selbst nie als Philosoph. Schließlich glaube er "zu wenig an die Vernunft, um Philosoph zu sein".
Ganz ähnlich hielt es Kierkegaard. Philosoph zu sein wurde auch von ihm verneint. Der Kopenhagener, welcher stark vom Christentum geprägt wurde, bezeichnete sich als "religiösen Schriftsteller". Wenn man die spätere Rezeption und Wahrnehmung betrachtet, handelt es sich bei den Beiden also um Philosophen wider willen.
Inhaltlich teilen sich der Algerier-Franzose und der Däne vor allem den Ausgangspunkt und einen Blick auf die Schwere menschlicher Existenz. Dieser Blick auf die Schwere des Seins, hängt vielleicht auch mit einer weiteren Gemeinsamkeit zusammen. Kierkegaard und Camus waren geprägt von ihren Lebensumständen. Karl Jaspers macht mit seinem Begriff der "Ausnahmesituationen" , die Momente klar, in welchen uns unsere eigene Verwundbarkeit deutlich wird. Es sind existentielle Momente von Krankheit, Tod, Naturkatastrophen, in denen uns das Verhältnis von Idealität und Faktizität klar wird. Obwohl wir im Geist, in der Idealität unendlich sind und uns alles Vorstellen können, sind wir an eine verletzliche und endliche Faktizität der Existenz gebunden.
Meistens leben wir vor uns hin und sind uns dieser inneren Spannung die uns qua Geburt gegeben ist nicht bewusst. In der Ausnahme wird sie jedoch mit aller Deutlichkeit offenbar. Camus und Kierkegaard waren oft mit diesen konfrontiert. Kierkegaard war von Krankheit geplagt und die meisten seiner Geschwister verstarben früh. Camus wuchs ohne Vater auf und seine Mutter konnte nicht einmal lesen und schreiben. Ebenfalls litt er unter Tuberkulose, was zur damaligen Zeit noch eine lebensbedrohliche Krankheit war. Vielleicht treibt gerade diese Konfrontation in ein solches Denken über die Existenz. Interessanterweise gilt ähnliches für Dostojevski, welcher ebenfalls von Krankheit geplagt war und als große Inspiration für Camus gilt.
Das Denken selbst zeichnet sich aus, durch den Spalt zwischen Idealität und Faktizität und versucht zu vermitteln. Das frühere Denken der Philosophie war vor allem geprägt von großen Systemen und dessen Gipfeln im deutschen Idealismus. Hegel und Kierkegaard sind ebenfalls große Gegenspieler und Camus trägt die Kritik am Denker des Weltgeistes und der absoluten Wahrheit weiter. Der endliche Mensch ist mit dem unendlichen Geist nicht kompatibel und kann kein Teil dessen werden. Mensch und absolute Wahrheit sind nicht kompatibel. Man wird wie Kierkegaard so schön sagt zum "abstrakten Denker". Nur das Denken, nur die Idealität kann Teil des absoluten, objektiven werden. Damit wird der Denker abstrakt, und ist nur noch Denkender. Er existiert aber nicht mehr mit Blick auf die Faktizität. Camus hat den Widerspruch zwischen Hegel und Camus auf ganz charmante Weise ausgedrückt: "Kierkegaard hat gegenüber Hegel eine Drohung ausgesprochen: Ihm einen jungen Mann zu schicken, der ihn um einen Rat bittet". Das existieren, die Faktizität geriet also zunehmend außerhalb des Fokus. Die Existenzphilosophie ist also eine Gegenbewegung zur sich überwerfenden Metaphysik.

Das Große ist nicht dies oder das zu sein, sondern man selbst zu sein - Kierkegaard

Der Gegensatz zwischen Idealität und Faktizität macht klar, das etwas im Argen liegt. Das etwas nicht "in Ordnung" ist, im Sein selbst und das sich ein Abgrund auftut. Der Mensch fühlt sich fremd im Universum. Der religiöse Schriftsteller hat den Abgrund vor allem in der Erbsünde ergründet und seinen bahnbrechenden Angstbegriff geprägt. Angst ist geprägt von Kontingenz und von Furcht u.a. zu unterscheiden. Angst sei "Der Schwindel der Freiheit". Die Angst charakterisiert das Verhältnis des Geistes zu seiner Bedingung. Bei Camus drückt sich die Entfremdung vom Universum vor allem im Schrei des Herzens nach Klarheit aus. Eine Sehnsucht nach Einheit, das Verlangen nach dem Absoluten ist im Menschen vorhanden. Dieses trifft jedoch auf ein Universum, auf ein Leben, welches diesem nicht entsprechen kann. Das Universum hüllt sich in Schweigen statt dem Ruf des Menschen zu antworten. Vor allem beschränkt ihn auch wieder seine Existenz, seine Faktizität. Ab und zu brechen die Kulissen auf und man wird vom Absurden "angesprungen". Das Spannungsfeld zwischen Idealität und Faktzität wird damit von beiden Denkern gefasst. Existenz ist für Beide kein Zuckerschlecken. Doch was soll der Mensch nun tun?

Genau an diesem Punkt driften Norden und Süden, Mittelmeer und Nordsee, Camus und Kierkegaard auseinander. Nur weil man einen ähnlichen Ausgangspunkt hat, muss man noch lange nicht die gleichen Schlussfolgerungen ziehen.

Das Gebet ändert nicht Gott sondern den Betenden - Kierkegaard

Kierkegaard ist nicht nur in seinen Analysen ganz und gar "religiöser Schriftsteller". Bei ihm, soll der Mensch über den Abgrund springen um den Schwindel zu überwinden. Das objektive und Absolute verschwindet keineswegs vollständig. Es wird zwar erst einmal unerreichbar, verweilt jedoch in der Idee Gottes. Es gibt also etwas an dem man sich festhalten kann. Dieses Festhalten soll dem Menschen Kraft verleihen und ihm den Sprung ermöglichen. Es ist der Sprung in den Glauben. Am Ende landet Kierkegaard also nach einem neuen Anfang auf einem bekannten Pfad. Diesen Pfad zu betreten setzt jedoch voraus, das man an Gott glaubt. Ihn akzeptiert und in sein Leben lässt. Doch was wenn man nicht an ihn glaubt?


Hoffen heißt die Möglichkeit des Guten erwarten, Die Möglichkeit des Guten heißt das Ewige 
- Kierkegaard

   Genau unter dieser Prämisse steht das Denken von Camus. Nur mit dem zu leben, wessen man sich sicher sein kann. Mit dem zu Leben was evident, empirisch ist. In der Zeit des tiefsten Nihilismus etwas zu finden, für das es sich zu leben lohnt. Dafür steht der Verfasser des Essays, der Sisyphos, den Steinwälzer der Unterwelt zu einem glücklichen Menschen  machen sollte.
Das was Kierkegaard mit dem Sprung in den Glauben unternimmt, ist für Camus nicht-physischer Selbstmord. Es ist der Entzug aus der Welt, ein verzweifeltes Entringen.
Es ist auch keineswegs einfach zu springen. Auch Kierkegaard macht es dem Menschen nicht einfach, sondern verlangt Einsicht und Veränderung.Jedoch haftet dem Sprung noch etwas an. Ein "Restglaube"gegenüber der Klarheit  in dem Sinne, das das Absolute, Unendliche nicht aufgegeben wird.
Eben dieses soll jedoch verschwinden. Wir wollen ja mit dem Leben, dem wir uns sicher sind.
Das Denken Camus ist in dieser Hinsicht radikal. Es führt zu einem konsequenten Bezug auf das Diesseits und arbeitet sich ab am Absurden. jede Flucht ob es nun der physische Selbstmord oder der nicht physische in Form von Ablenkung oder Religion ist, wird abgelehnt. Bei Camus werden somit die meisten Menschen zu Selbstmördern auf die eine oder andere Weise (Der Begriff ist vor allem deskriptiv). Was bleibt dem Menschen also bei Camus?
Die Auflehnung. Wenn man beim Absurden verweilt, damit lebt, dann ist für Camus die Auflehnung das beste Rezept. Es beudeutet Konfrontation und vor allem Arbeit. Dafür bekommt man Freiheit.

"Ich verstehe nicht was eine Freiheit sein kann, die mir von einem höheren Wesen geschenkt wird" - Camus

Die Auflehnung ist für den Denker das Absurden die einzig kohärente Position. Freiheit, Leidenschaft und Auflehnung sind die großen Schlussfolgerungen die Camus zieht. Gerade von der Leidenschaft geht die Wärme aus. Das mediterrane wird an ihr deutlich. Wer die Welt genug liebt für das was sie ist, wie sie ist, der braucht keine Hoffnung auf das Absolute mehr. Die Leidenschaft reicht. 
Genau diese Leidenschaft ist es, die Sisyphos empfindet, wenn er den Stein rollt. Sie kommt vom Absurden selbst, denn dieses hat laut Camus nur insoweit einen Sinn, als das man sich nicht mit ihm abfindet. Es ist das große "Ja im Nein" was sich hier auftut. Das Absurde gehört zum Leben und kann nicht geleugnet, nicht verbannt werden. Doch trotzdem gilt es dagegen zu kämpfen. Der Kampf selbst ist es, der das Leben ausmacht. Genau deshalb ist Sisyphos glücklich. Es hat seinen Kampf in der Unterwelt mit seinem Felsen, an dem Berg, der ihm den Erfolg versagt. 

"Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen" - Camus

Kierkegaard und Camus sind ein faszinierendes Paar. Große Gemeinsamkeiten und noch größere Gegensätze charakterisieren das Verhältnis. Leidenschaft trifft auf Willen zur Ordnung, welcher es schwer hat, diese aufrecht zu erhalten im Angesicht der Angst. Faust und Don Juan stehen sich wie Wärme und Kälte gegenüber. Beiden Denkern haben wir etwas zu verdanken. Kierkegaard das Brechen mit der überbordenden Metaphysik und Camus ein Denken für diejenigen, die nicht springen wollen.

"Ich denke wir sind alle Suchende in der Nacht" - Camus


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