Die Highlands - Philosophie einer Landschaft - Teil 1

Schon lange fand ich den Norden der britischen Inseln, die Heimat von Braveheart, Adam Smith und David Hume sehr reizvoll. Spätestens seit der Frühen Neuzeit ist Schottland bekannt als Land der atemberaubenden Landschaft und als Jagdgrund für die Royal Family. Bearbeitet durch Menschenhand in den "Highland clearances", ziehen die grünen und schroffen Gipfel der kleinen Berge, die  allerdings riesig wirken, auch heute noch zahlreiche Touristen an. Das Land, alles in allem "Klein aber oho", hat viele Denker wie die erwähnten Smith und Hume, Schriftsteller wie Scott, Stevenson, Conan Doyle oder Ian Rankin hervorgebracht. Auch die Römer stoppten an der Grenze zu den "Pikten", den Wilden im Norden die sich anmalten und unberechenbar für das disziplinierte Heer der Eindringlinge aus dem Süden waren. Sogar Tiger gibt es in dem kleinen Land, welches kaum größer als Bayern ist und ca. 5mio. Einwohner beherbergt. Der "Scotland Tiger" ist eine Wildkatze, größer als eine gewöhnliche Hauskatze, aber immer noch kleiner als der Luchs. Trotz seiner bescheidenen Größe, gelang es nie die Wildkatze zu zähmen. Damit steht der Scotland Tiger als Metapher für das ganze Land. Von außen sieht es klein und unbedeutend aus, doch trotzdem scheint es unzähmbar, weder von den Römern, noch von der Zentralregierung in London. Das einzige zähmbare scheint die Landschaft, die heute vor allem von Schafen und Menschen bewohnt wird. Die Highlands lassen sich deshalb ohne weiteres erkunden, am besten zu Fuß über einen der zahlreichen Fernwanderwege. Der bekannteste unter diesen ist sicherlich der "West Highland Way". Dieser verläuft vom Norden Glasgows bis nach Fort William am Loch Linnhe weiter im Norden. Dieser Pfad, mitten durch das Herz der Highlands war die erste Station der Reise.


Das Unterfangen den 150KM langen WHW(West Highland Way) zu Fuß zu begehen, gelang in nur 6 statt den üblichen 8 Tage. Schon am ersten Tag, wenn man das flache Glasgow verlässt, offenbart sich bereits der Charakter des Landes und es wird klar, was die Anziehungskraft ausmacht. Die ersten Erhebungen, welche es kaum 700M über den Meeresspielgel schaffen, wirken riesig. Vom Fuß bis zum Gipfel erstrahlt alles in saftigem grün. Die kleinen Berge scheinen sich aufzuplustern, die Kugelfische unter den Hügeln. Es entsteht sofort der Eindruck wie im Hochgebirge. Alles scheint fern, der Gipfel mehrere kräfteraubende Tagesmärsche entfernt. Auch wirkt alles so typisch unwirklich. Eher wie eine Fotografie. Man fragt sich, wie sich das grün, welches wie ein Teppich ausgerollt, makellos über den Felsen liegt, wohl an fühlt. Wenn man davor steht ist man sich gar nicht sicher ob die Millionen Nervenenden in den Fingern, welche den Tastsinn bilden, überhaupt ihre Arbeit verrichten können, wenn sie den Teppich zu fassen kriegen. Denn eigentlich glaubt man gar nicht, das dieser überhaupt wirklich existiert wenn man nicht ganz nah dran steht und die Schafe erblickt, die sich bis zum Gipfel vom grünen Teppich nähren, ihn auf Länge halten und pflegen, damit er noch dichter und robuster wird.

Doch nicht nur den Schafen ist es zu verdanken, das der Teppich in so einem Zustand ist und bleibt. Hauptgrund ist natürlich der Regen, also das Wasser von oben und jenes welches von unten, aus der Erde dringt. Immer wieder wird das Grün geschnitten von rau wirkenden Abschnitten, Rinnen welche zum Fuße laufen und sich dort zu Bächen, Flüssen zusammenschließen. Das Wasser ist eben die Wurzel des Lebens auf unserem Planeten und nirgendwo wird dies deutlicher als hier. Es sammelt sich in einem der "Lochs" oder drängt zur Küste, wo es in den Atlantik oder die Nordsee einfließt. Alles fließt also in Schottland. 

Vom Grün, vom Wasser, von den Bergen geht eine Anziehung aus. Landschaft attraktiv zu finden scheint im Menschen selbst angelegt zu sein. Lange Wege nehmen wir auf uns um dieses oder jenes einmal "zu sehn". Dabei ist das was wir sehen wollen bis auf ein paar Tieren, die manche Landschaften bewohnen, schlichtweg tot. Der Grand Canyon ist ein gigantisches Stillleben. Gleiches gilt für viele der Ansichten in Schottland, wenn dort gerade keine Schafe weiden. Es ist die gleiche unerklärliche Leidenschaft die auch in dem Genuss von Musik, Kunst und anderen steckt. Wie dort gibt es auch bei Landschaften Geschmäcker. Dem Einem gefällt der kalte, widrige Norden, dem Anderen der warme Süden. Im Süden ist es eher rau und schroff, da die Sonne das Grün ausbleicht, indem sie es den Pflanzen schwer macht. Im Norden ist es genau andersherum. Damit wären wir beim Wetter. Die britischen Inseln gelten aufgrund ihres Seeklimas als verregnet und grau. Vor Ort erlebt man es aber vor allem als wechselhaft. Nie hält sich eine Wetterlage sehr lang. Das bewirkt ein Wechselspiel aus Regen und grauem Himmel, welches Nebel erzeugt, welcher sich schnell um die Gipfel legt. Der Nebel scheint diese in Watte zu hüllen und nimmt ihnen so das Spitze, macht sie ganz weich. Wenn es aufklart, erstrahlt Alles, ohne das man störend geblendet wird. Dieses Wechselspiel mit allen Zwischenstufen, macht die Landschaft aus. das Wetter ist wie ein Regisseur. Es arrangiert die Berge, Täler, Flüsse und alle anderen Schauspieler auf verschiedene Weise. Das macht das Wetter wichtig, macht auch den Regen und die unangenehmen Momente wichtig. Es macht klar, das auf Regen Sonne folgt und umgedreht. Macht klar, das es den Regen braucht für das erstrahlende Grün und den Regenbogen, welcher das Geschenke für Jenen ist, der auch in den unangenehmen Momenten draußen verweilt und deshalb den Moment kurz nach dem Regen miterlebt. Es gibt eben kein Licht ohne Schatten und man muss auch die Nacht kennen (Albert Camus).
Alles in allem trifft das Allein sein in der Natur niemand besser als Henry David Thoreau. Ein Mensch allein in der Natur, mit offenen Sinnen, würde nie von der finsteren Melancholie heimgesucht werden, schrieb dieser Einsiedler unter den Philosophen. Das einfache Leben, wo plötzlich wieder Dinge wie Unterkunft, Wasser, Nahrung etc. bedeutend werden, hat etwas besonderes. In den ersten Tagen ereignen sich noch Momente des Überdrusses, des Frustes, doch diese weichen schnell einer inneren Ruhe. Die Aufmerksamkeit nimmt zu. Tätigkeiten wie Lesen, Essen und schlafen bekommen einen vorher unvorstellbaren Wert. Mit einiger Freude legt man sich schlafen wenn man den ganzen Tag wach und aktiv war. Das ganze führt dazu, das ein Buch wieder zum spannenden Hochgenuss wird und der Schlaf in einem simplen Zelt erholsamer als auf jeder teuren Matratze. Es entlarvt das Ideal des Komfort. Eigentlich braucht es nicht viel um einen ereignissreichen und lebenswerten Tag zu erleben. Viele Menschen die aus westlicher Überheblichkeit Leute verlachen, die in weniger entwickelten Teilen der Welt siedeln, vergessen das. Der Reisbauer in Asien ist den ganzen Tag draußen in der Natur, zu Fuß unterwegs, schleppt schwere Säcke und legt sich abends müde ins Bett. Diejenigen, die den ganzen Tag bei uns arbeiten um Wohlstand zu genreieren, nutzen ihre rare Freizeit zum "entspannen". Was sie dabei machen ist ins Fitnesstudio zu gehen um schwere Dinge zu bewegen, gehen joggen um auf ihren Füßen unterwegs und in der Natur zu sein und abends müde zu Bett zu gehen. Statt in den nassen Reisfeldern zu stapfen, absolviert man Kneipp-Kuren oder macht Wechselduschen. Für die Freizeit ist also das reserviert, was für den Reisbauern Alltag ist. Das Reisen zeigt genau diese Absurdität auf und bestätigt Heinrich Bölls "Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral". Albert Camus sagte einmal das uns das Reisen zu uns zurück führe. Wahrscheinlich meinte er genau diese Momente, in denen die einfachsten Grundbedürfnisse wieder Relevanz bekommen, den ganze Tag einnehmen und die süße Befriedigung verschaffen etwas "gemacht" zu haben, welche sich in den ruhigen Momenten kurz vor dem Schlafe einstellt. 

 Wenn man ankommt, nach mehreren Nächten im Zelt, mit Schlamm an den Schuhen und Ruhe im Herzen, wird einem die Absurdität des Treibens in einer Touristenstadt wir Fort William offenbar. Zwar ist es schön wieder eine Dusche zu benutzen, das Zelt komplett zu trocknen und wieder eine Nacht im Bett zu verbringen, doch für die anderen Touristen bleibt nur Unverständnis. Dichtes Gedränge herrscht auf der Einkaufsmeile. Überall Läden mit "typischen" Souvenirs, überall Tartan-Muster, Fish n Chips und der fade Beigeschmack, wieder unter denen zu sein, vor welchen man geflohen ist. Schnell noch ein Souvenir, etwas essen und im Eilverfahren alle Sehenswürdigkeiten der Umgebung abklappern, scheint die Agenda der meisten dort zu sein. Anstatt im Urlaub dem Hamsterrad unseres neoliberalen Zeitgeistes zu entkommen, scheint es sich hier noch schneller zu drehen. Der Urlaub selbst ist Kommerz, Teil vom Lebenslauf "Dort musst du mal gewesen sein". Die Absurdität macht vor allem aus, das man sich gegenseitig bemitleidet. Ah: Ein Wanderer, der arme Kerl ist Tage lang durch Regen gelaufen und musste im Zelt schlafen. Im Hotel, in der Komfortzone ist es doch viel schöner. Ah: Touristen auf der Einkaufsmeile, wie traurig seinen Urlaub mit dem gleichen Scheiß wie zu Hause zu verbringen. Wenn die wüssten was ich in einem Tag alles gesehen, erlebt habe. Wie schön es war mit den Schafen schlafen zu gehen und mit ihrem mähen aufzuwachen und so der Erde, ihrem Rhytmus und ihrem Puls näher zu sein, wenn einem früh die Kälte aufschreckt und man abends von der Wärme, welche noch im Boden und den Steinen steckt, schlafen geschickt wird. Wie traurig, sich den ganzen Tag mit Schrott vollzustopfen, anstatt sich frühs Haferflocken anzurühren die den ganzen Tag sättigen und abends nach 8h auf den Beinen eine Dose Bohnen aufzureißen, um auch wirklich körperlichen Hunger zu stillen und nicht nur ein Loch in seiner ruhelosen Seele zu stopfen. Am Ende bleibt aber die Gewissheit, das mein Mitleid stärker war. Nie hatte ich mehr Verständnis für Jean Jaques Rousseaus Haltung gegenüber der Zivilisationn.



















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