Wie man den Mythos vollendet

Die Menschen wirken klein und unbedeutend im Vergleich zu den Göttern der monotheistischen Religionen. Mit einem Schlag wird mit der Sintflut die gesamte Menschheit bis auf Noah und seine Arche ausgelöscht. Gott bestimmt Alles und der Mensch wirkt unbedeutend in dessen Schatten. Er ist der Schöpfer, der Mensch nur das fehlerhafte Wesen, welches selbstverschuldet aus dem Paradies geworfen wurde und seitdem von der Erbsünde wie von einer Erbkrankheit befallen ist. Eine Rebellion gegen Gott scheint sinnlos und wird auch nie als geglückt oder ansatzweise erstrebenswert dargestellt. Der Mensch hat Gott nie etwas abgerungen. Es gibt keine Helden die für unser Geschlecht eingetreten sind und dafür göttliche Strafen auf sich nahmen.
Das konnten wir durchaus schon einmal besser. Das skizzierte Verhältnis von Mensch und Gott, wie in den monotheistischen Religionen vertreten, ist weit weg von jedem Humanismus. Weit weg von jeder Überzeugung, das der Mensch seine Potentiale entfalten soll, einen Wert aus sich heraus hat und sich behaupten kann in der Welt. An diesem Ideal waren wir früher schon einmal näher. Dann kam der Einbruch des Christentums und nun sind wir, dank eines Franzosen mit algerischen Wurzeln, wieder näher dran als je zuvor.
Die Helden, die den Göttern trotzen sind ein starkes Motiv im Mythos. Die Griechen ehrten ihre Helden und die Erzählungen des Homer und anderer sind voll mit Geschichten, in denen sich der Mensch behauptet. Dort schlummert in ferner Vergangenheit ein unvollendeter Humanismus. Prometheus steht dafür phänotypisch. Er brachte den Menschen das Feuer, glaubte stets an diese und wurde dafür mit der Fesselung und dem unsäglichen Raubvogel bestraft. Sein Unterfangen war nicht sinnlos, wirkt nicht als große Nichtigkeit vor dem Hintergrund des omnipotenten Gottes. Schließlich erfreuen wir uns heute noch an der züngelnden Wärme, die von den gelben Flammen ausgeht. Der Mensch hat somit wieder Potential und eine Chance. Er ist "Etwas". Der Mensch ringt so den Göttern etwas ab. Er kann sie vielleicht nicht vollumfänglich überwältigen, aber sich ein Stück weit seine Souveränität zurückholen. Es ist ein Funken des Humanismus in den Erzählungen der Griechen. Auch der laut Homer klügste unter den Menschen, Sisyphos, hat den Göttern etwas abgetrotzt. Der Gründungsvater von Korinth, hat Zeus an den Flussgott Asopos verraten. Dies tat er, um Korinth und den Menschen die dort siedeln, Wasser zu bescheren. Für den Quell des Lebens, nahm er die Last auf sich, vom wortwörtlichen Blitz getroffen werden zu können. Sisyphos fesselte auch den Tod, den er in Ketten legte, als er sterben sollte. Auch hier rang er dem Todesgott noch etwas ab. Im Hades angekommen, hatte seine Gerissenheit jedoch noch kein Ende erreicht. Sisyphos befahl seiner Frau ihn nicht nach der üblichen Zeremonie zu bestatten. So konnte er vor Plutos treten und diesen auffordern ihn, nochmals an die Oberfläche zu schicken, um den Frevel seiner Frau zu berichtigen. Natürlich kam er nicht freiwillig zurück in die dunklen Gefilde, sondern verweilte weiter auf der Erde. Sisyphos ist also Held durch und durch, der zeigt, das es nicht vergebens ist, sich gegen die Götter aufzulehnen.
Seine gewieften Taten sollten trotzdem ihr Ende finden. Eines Tages kam Hermes um den aufsässigen wieder in die Unterwelt zu verfrachten. Dort sollte nun kein Entkommen mehr möglich sein. Man hatte angedacht Sisyphos wie damals üblich, mit sinnloser und repetetiver Tätigkeit zu bestrafen. Er sollte einen Felsblock unablässig den Berg hinaufrollen, von dessen Gipfel er stets zurückrollte und das ganze Spiel damit wieder von vorn began. Es gab nun kein Entkommen mehr und an dieser Stelle hört der Mythos auf. Der Gestrafte wird nochmals erblickt von Odysseus auf dessen Irrfahrt gen Heimat. Auch da hing er noch am Stein und rollte den unhandlichen Brocken unablässig bergauf.
Hier hört die Geschichte von Sisyphos und der Humanismus des Mythos auf. Jetzt hat Sisyphos seine Strafe und er muss ein schreckliches Schicksal erleiden. Das einzige was blieb waren das Wasser, welches in Korinth von nun an aus der Erde sprudelte und die Gewissheit, die Götter an der Nase herumgeführt und ihnen Lebensjahre abgetrotzt zu haben. Es geht aber noch mehr. Sowohl für Sisyphos als auch den Humanismus.
Lange hat es gedauert bis jemand die Geschichte um den Steinewälzer weiterdachte. Mehr als 2000 Jahre liegen zwischen Homer und dem neuen, modernen "Mythos des Sisyphos". Dem Essay der verkündet, Sisyphos sei glücklich. Der verkündet, das das Leben des Menschen vom Absurden geprägt sei. Mythen seien da, um von der Vorstellunsgkraft belebt zu werden, schreibt der Autor dieses bahnbrechenden Werkes, Albert Camus. Camus lässt die Geschichte von Sisyphos damit nicht einfach so stehen. Er führt diese weiter, beschreibt wie Sisyphos den Stein stemmt mit allen Details. "Ein Gesicht das sich so nah dem Stein abmüht, ist selbst bereits Stein!". Vor allem interessiert ihn der Rückweg. Hier wird sich Sisyphos bewusst über sein Schicksal, erfährt erst seine Tragik aber auch, das er Herr seiner Sache ist. Sein Stein gehört trotz allem ihm. Er ist seine Sache. Kein Leben hat die Eine Richtung, keinen Gipfel auf dem der Fels liegen bleibt. Mensch sein, bedeutet dem Absurden, der Ziellosigkeit und Kontingenz in einem gigantischen Universum ohne menschliche Eigenschaften ausgesetzt zu sein. Für Sisyphos bedeutet das sein Glück. Nun rollt er den Stein nicht mit Verdruss sondern arbeitet mit seiner Gewissheit, seinem Schicksal am Stein.
Dadurch bekommt auch der Mythos eine neue Seite. Es ist noch nicht vorbei, am Ufer des Acheron und am Fuße des Berges, an welchem Sisyphos sein endloses Tagwerk verrichtet. Wenn Sisyphos glücklich ist, hat er also doch gewonnen, wurde ihm von den Göttern nichts genommen. Die Strafe verliert ihren grausigen Charakter und die Marter wird zur Leidenschaft, bei der "sein ganzes Sein sich abmüht ohne etwas zu vollenden". Sisyphos hat den Göttern also Alles abgetrotzt. Sein Schicksal gehört ihm schreibt Camus. Damit ist klar, das den Menschen das Schicksal gehört. Selbst wenn die Götter die größten Anstregungen verrichten um den Menschen zu strafen, entkommt er diesen Bemühungen. vielleicht nicht indem er sie überwindet wie Sisyphos den Tod, welchen er in Ketten legt, aber in seinem Inneren. Die Götter können Sisyphos nicht zwingen Leid bei seiner Arbeit am Stein zu empfinden.
Genau darin lag die Möglichkeit den unvollendeten Humanismus, welcher den Göttern das Feuer und Wasser abtrotzt zu vollenden. Albert Camus tat im Jahr 1942 genau das. Er schrieb die Geschichte von Sisyphos weiter. Damit überwand er nicht nur den Semihumanismus der Griechen, sondern vor allem die Botschaft des Christentums und anderer Religionen in denen der Mensch Nichts ist. Er belebte damit alte humanistische Ideale und führte diese zur Vollendung und fand mit Sisyphos ein Motiv, mit welchem er dies kondensiert und prägnant darstellen konnte. Sisyphos ist der absurde Held und sein Schicksal steckt voller Motive die zur conditio humana selbst gehören. Der Stein der zurückrollt ist die Unvollkommenheit, der Gang vom Gipfel in die Ebene steht für die Momente der Entspannung und der Anstieg für die der Anspannung. Camus lässt Sisyphos auch sterben. Doch bis dahin wird gerollt, wird gegen den Gipfel gekämpft. Wenn auch der dumpfe Fels vielleicht nie liegen bleiben mag, so scheint doch zumindest die Geschichten des Sisyphos und der Menschheit als vollendet und an einem Punkt, an dem diese verweilen können.







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