Caligula im Berliner Ensemble

Das Berliner Ensemble wendet sich nun unter neuem Intendanten auch dem Absurden zu. Mit der Inszenierung von Albert Camus Caligula findet sich der Widerspruch zwischen Mensch und Welt, Handelndem und seinem Rahmen im Spielplan des Traditionshauses wider. Dem absurden Schauspiel einmal selbst beizuwohnen war natürlich eine Pflicht für einen Liebhaber von Camus Werken.

"Die Menschen sterben und sie sind nicht glücklich!"

Vorab sei gesagt, dass ich kein Theaterkenner bin, der mit den Tugenden und Methoden des Bühnenschauspiels besonders vertraut ist. Eine pointierte Kritik der Inszenierung und des "Handwerks" liegt mir somit fern. Darüber hinaus betrachtete ich das Stück vor allem unter dem Aspekt des Inhalts und vor dem Hintergrund des Denkens von Camus. Dieser Post ist also eher für Camus als für Theater Freunde geeignet. 
Die Inszenierung ist modern gehalten und kommt ohne antike Togen und Statuen aus. Vor dem Besuch fand ich diese Tatsache schade und hätte mir lieber einen klassisch gekleideten, antiken Caligula gewünscht. Schließlich ist die Antike, welcher einem aufgrund der zeitlichen Distanz, als ferner Ort vorkommt, ein idealer Schauplatz um ein Schauspiel anzusiedeln, bei dem der Protagonist das "Unmögliche möglich machen" will. Die Antike ist ein Ort des Götterglaubens, der uneingeschränkten Herrscher, der Dekadenz und scheint manchmal fast fiktiv wenn man die heutige Welt als Vergleichspunkt nimmt. Dort wo die Götter herrschen und Blitze auf die Erde senden oder die Sonne mit ihrem Wagen über den Himmel ziehen, scheint es keineswegs verwunderlich wenn ein Kaiser nichts geringeres als den Mond fordert.  
Genau das macht jedoch das Absurde schwach. Viel absurder ist es, wenn im Umfeld von "Horrorclowns" die Forderung nach dem Mond gestellt wird. Die Schauspieler des Ensembles sind stark geschminkt und ihre Köpfe sind nur von wenigen Haaren bedeckt. Caligula ist blass und wirkt fast fremdartig. Das der Protagonist dadurch gut zu identifizieren ist, ist der Inszenierung durchaus anzurechnen. Leide kann man dies von den anderen Figuren nicht behaupten. Der Freigelassene, welcher klar auf Caligulas Seite steht, hätte ein deutlich anderes Aussehen als der Dichter Scipio vertragen. Leider waren die Nebendarsteller nicht so stark differenzierbar. Das schadet eben auch dem klaren hervortreten der Personenkreise, welche von den Nebenrollen symbolisiert werden.
Liebgewonnen hingegen, habe ich die kleinen absurden Anspielungen die sich zeigen, wenn Caligula plötzlich die Kettensäge schwingt. Es ist keineswegs nur Schelmenhaft oder platt solche Elemente zu integrieren. Das Schöne am philosophischen Begriff des Absurden bei Camus ist schließlich, dass er mit dem alltäglichen Begriff in seiner Definition übereinstimmt.
Camus erweitert ihn nur und macht die Conditio humana selbst absurd. Er kennt also das "Große" Absurde, dass Absurde im menschlichen Sein selbst. Wenn man jedoch auf das kleine, alltägliche Absurde gestoßen wird, tritt auch das Große besser hervor. Genau dies hat Caligula mit seinen Plateauschuhen und der Kettensäge erreicht. Ganz davon abgesehen, dass kaum etwas besser für einen destruktiven Charakter steht als das laute Rattern einer Kettensäge die alles kurz und klein bekommt.

"Das Leben verlieren ist keine große Sache, aber zusehen, wie der Sinn des Lebens aufgelöst wird, das ist unerträglich."

Doch was soll uns das Drama überhaupt sagen? Welche Rolle spielt die Figur des Tyrannen und Willkürherrschers im Werk von Camus? Vor allem erinnerte mich Caligula und dessen Negation von allem und jedem an den Ausspruch Dostojevskis "Wenn es keinen Gott gibt, dann ist alles erlaubt!". Camus vertritt eine Haltung des existentiellen Nihilismus. Ein objektiver Wert für Moral und Ethik lässt sich im Universum, das vor dem Menschen nur vernunftlos schweigt nicht finden. Welche Folgerung müssen wir daraus ziehen? Caligula folgert, das Alles unbedeutend ist. Er erklärt sich selbst zum Gott, will das Unmögliche möglich machen. Damit treibt er das Absurde auf die Spitze. Er lehnt es weder ab, noch flieht er, noch lehnt er sich dagegen auf. Er verstärkt es stattdessen und wird selbst zur Entität zu der man ein absurdes Verhältnis aufbaut. Das seine Handlungen falsch sind, ist jedem klar. Auch wenn es keine objektiven Werte gibt, so gibt es doch die subjektiven. Caligula zeigt, wie man nicht mit dem Absurden umgehen sollte. Er ist ein Negativbeispiel.
Der Haltung des Gewaltherrschers steht die des Doktor Rieux aus "Die Pest" gegenüber. Für Rieux, der inmitten des Chaos und des Elends hilft und eine Niederlage ohne Ende kämpft, gibt es einen Wert. Es ist die Menschlichkeit wie er seinem Freund Tarrou offenbart, als er nach dem Hintergrund seiner Mühen gefragt wird. Wenn Gott tot ist, dann liegt alles in unserer Hand. Wenn es Gott nicht gibt, sollten wir uns an dem orientieren was uns Halt gibt und als Menschen auszeichnet. Denn das wird dann zum Größten wenn die vertikale Transzendenz erlischt.  
Rieux und Caligula sind also Antipoden. Das macht Caligula zu einer Verbildlichung des Nihilismus und das Drama zu einer Tragödie der Erkenntnis. 

Caligula ist also eine Tragödie der Erkenntnis. Und daraus wurde mit schöner Selbstverständlichkeit der Schluss gezogen, es handle sich um ein intellektuelles Drama. [...] ich suche umsonst nach der in diesen vier Akten angeblich zum Ausdruck kommenden Philosophie.“


Doch trotz der offensichtlichen Menschenverachtung Caligulas "bekommt" er den Zuschauer an der einen oder anderen Stelle. Gerade zu Beginn, wenn er fordert, das die Menschen leben und glücklich sein sollen und er die "Lüge" abstreifen will, in der sich die Gesellschaft befindet. das ist der Reiz des starken Mannes, des "Machers".
Man fühlt sich Caligula jedoch auch verbunden weil er das Absurde entlarvt und Folgerungen ziehen will, die bei Vielen auf fruchtbaren Boden fallen. Ein Populismus des Absurden ist jedoch gefährlich. Er führt zu dem, was Caligula im Rest des Schauspiels vorführt. Am Ende wird auch klar, dass der Mord am Tyrannen, die Auslöschung dessen Existenz noch nicht seine Idee vernichtet. Wer den Tyrannen nur physisch beseitigt, nimmt Teil an dessen Überspitzung des Absurden. Deshalb kann Caligula auch nach seiner Ermordung verkünden, dass er noch weiterlebt. Er ist in uns.

Alles in Allem hat das Berliner eine zeitgemäße und sehenswerte Inszenierung des Stückes geschaffen. Das Herrscherstereotyp, welches Caligula verkörpert und das Absurde, welches immer das Hintergrundrauschen in Camus Werken darstellt, treten deutlich uns spürbar hervor. Was will man mehr?




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