Die Schriftsteller und die Philosophen

Peter Sloterdijk definierte in einer Ausgabe der Sendung "Sternstunde Philosophie" den Philosophen als jemand der vom "Feuer" verschont bliebe. So würde dieser in seiner Jugend nicht wie viele seiner Altergenossen am Spielplatz in den rauschähnlichen Strudel des Spiels gesogen, sondern stehe außerhalb und nehme eher eine Beobachterrolle ein. Eine beobachtende Tendenz sei vorhanden, wenn das Kind statt am Treiben zu partizipieren, nur daneben steht. Philosophen haben einen "Beobachtungs-Überschuss".
Wenn man die Geschichte der Philosophie und Sokrates als deren Urvater bemüht, wird diese Definition des Philosophentums nur allzu deutlich. Sokrates blieb auch als Erwachsener noch verschont von dem Feuer, welches den Menschen entfacht und ihn in den spektakulären und ordinären Dingen des Lebens aufgehen lässt. So stellt Sokrates anstatt Teil des Markttreibens zu sein, fragen über genau jenes und konfrontiert seine Mitmenschen mit Fragen nach Dingen, die für jene selbstverständlich erscheinen. Anstatt Begriffe wie Gerechtigkeit und Liebe einfach zu benutzen wie wir es gewohnt sind, werden diese hinterfragt. Was ist gerecht? Was ist die Liebe? Das Beobachten steht also wieder im Vordergrund.
Doch keineswegs sind Philosophen leidenschaftslose Zeitgenossen. Das Feuer ist nicht erloschen, es brennt nur an anderer Stelle. Das Beobachten und Hinterfragen selbst wird zur Flamme für den Geist der außerhalb des Geschehens steht. Gerade die Debatten über die Erkenntnisse aus jenen Überlegungen werden nur allzu gern mit aller Vehemenz und Leidenschaft geführt. Nicht umsonst empfahl Sartre, das wenn zwei Philosophen sich träfen, diese am besten nur "Guten Morgen" sagen und ab da an getrennte Wege gehen sollten. Man brennt nicht für die Sache selbst sondern für das Beobachten der Sache.
Diese Verlagerung des Feuers teilt sich der Philosoph mit einer anderen Gruppe ebenfalls sehr schreibseliger Gesellen. Der Schriftsteller ist ebenso ein Kind der Beobachtung. Das was dieser zu Papier bringt ist nichts anderes als das Ergebnis großer Aufmerksamkeit und Beobachtungsgabe. Nicht umsonst gibt es die Personalunion von Autor und Philosoph wie man sie bei Sartre oder Camus findet.
Goethe schrieb den Erlkönig weil er von dem Ereignis hörte, das ein Mann mit einem Fieberkranken Kind durch die Nacht ritt und dieses dabei seiner Krankheit zum Opfer fiel, bevor der rettende Arzt erreicht werden konnte. Offensichtlich ließ Goethe dieses Ereignis nicht mehr los. Der Gedanke daran war eine ideale Nahrung für die Flammen. So brachte Goethe seinen Beobachtungs-Überschuss letztlich zu Papier. Wer reitet so spät durch Nacht Wind? - das ist die Manifestierung eines Geistes der über den Dingen zu schweben scheint. Der Schriftsteller fasst das Beobachtete nochmals neu. Er kondensiert, korrigiert, editiert es und bringt es dann zu Papier. Das ist seine Passion. Dabei geht es um das Material des Ereignisses - Charaktere, Schauplätze, Taten.
Der Philosoph hingegen will das Beobachtete nicht neu fassen. Er will das Geistige Material des Ereignisses. Die Metaphysik bewegt seinen Geist. Die Paradigmen, Ideen, Vorstellungen sind sein Metier. Diese werden hinterfragt, definiert, modifiziert. Danach werden diese ebenfalls gefasst, mit den Mitteln der Logik und der Argumente.
Der Ausgangspunkt ist somit der Gleiche, die Differenz entsteht erst bei der Verarbeitung und beim entstandenen Resultat. kein Wunder also das auch die angesprochene Personalunion ein durchaus erfolgreiches Unterfangen sein kann. Für Camus und Sartre endete diese mit jeweils einem Literaturnobelpreis. Beide haben ihre Philosophie in ihre Erzählungen mit eingeflochten. Dieser Vorgang ist dann nur allzu oft aktiv. Die Philosophie steht am Anfang und die Geschichte soll dieser ein Gesicht verleihen. Der Autor möchte etwas mit seinem Werk "sagen".
Doch was macht der Schriftsteller? Sicherlich steckt in vielen auch zu einem gewissen Anteil ein Philosoph, der seine Anschauung über das Geschrieben zum Ausdruck bringt. Doch vor allem ist es eine editierte und angepasste Wiedergabe. Das was "gesagt" liegt also vielmehr im Material des beobachteten und wird passiv übertragen.
Am Ende ist also durchaus schwer die beiden Gruppen zu Differenzieren. Was bleibt ist aber die Einsicht, das beide den gleichen Anfang nehmen. Beide verfallen einer Leidenschaft die sich nicht aus der Partizipation sondern aus der Beobachtung speist.
Es geht um die Passion etwas "so nicht stehen lassen" zu können. Goethe konnte das was ihm von der kalten Nacht die ein Kinderleben forderte berichtet wurde nicht so stehen lassen. Es musste noch einmal aufbereitet und gefasst werden. Ebenso kann der Philosoph die Paradigmen und Ideen nicht stehen lassen. Diese müssen hinterfragt, definiert, eingeordnet werden.


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