Die Philosophie der Kuh

Wenn man sich der Kuh, dem "Rindvieh", welches die Menschheit schon seit Jahrhunderten begleitet, philosophisch nähern will, kommt man nicht an Friedrich Nietzsche vorbei. Schließlich schrieb jener, das alle guten Dinge etwas lässiges hätten und wie Kühe auf der Wiese lägen. Das in der Sonne liegen und Wiederkäuen  hätten sich die Kühe angeeignet, um sich "die schweren Gedanken vom Herzen zu halten". Von der Kuh, dem großen Wiederkäuer, der die Weiden der Welt bevölkert, geht etwas Besonderes aus. Die Kuh steht heraus aus dem Rest des Hofes, den Schafen, Schweinen und den anderen Tieren, welche dort siedeln.

Es ist vor allem die allgemeine Faszination des "sanften Riesens", welche von den weidenden Vierbeinern ausgeht. Körperlich kann einer Kuh kaum ein anderes Tier etwas vormachen. Der ausgewachsene Bulle ist ein wahrer Fleischberg, der auch den aggressivsten Carnivor mit seiner bloßen Masse übermannen könnte. Auch die Kuh steht dieser körperlichen Präsenz kaum nach. Vor allem wenn die Kuh noch behornt ist, sollte jedem klar sein, das wenn es um die reine körperliche Potenz geht, diese Alles und Jeden "platt machen" kann. Doch nur selten wird aus der Potenz ein reales Unterfangen, nur zur Verteidigung wird der eigene Körperbau zur Hilfe herangezogen. Das macht den Riesen sanft. Nur für interne Streitereien und zum Schutz vor Angreifern kommen die Hörner zum Einsatz. Alles in allem führen die Kühe einen Umgang mit ihren naturgegeben Waffen, von welchem die Menschheit durchaus lernen kann. Man muss seine Möglichkeiten nicht immer einsetzen, schon gar nicht wenn es um Waffen geht. Die Gemsamtphysiognomie der Kuh ist ebenfalls keine aggressive, einschüchternde. Der runde Körper, die behaarten Ohren, die langen Wimpern, die große feuchte Nase und die tiefen braunen Augen schmeicheln dem Betrachter so sehr, das man außer wenn die Kuh behornt ist, ihre brachiale Potenz glatt vergisst. Auch ihr Laut, das charakteristische und tiefe "Muhh" ist bedeutend angenehmer als das hohe Meckern der Ziegen und das lästige "mäh" der Schafe.

Was allerdings auch zum Ansehen und zum Bild der Kuh beiträgt ist ihre Ernährungweise. Es ist offensichtlich, das der Pflanzenfresser stets friedlicher daherkommt als der immerzu jagende Carnivor, der für den Erhalt des eigenen Lebens, Anderes ausradiert. Die Kuh hat dies nicht nötig und trotzdem hat sie eine solche beachtliche Statur. Das Herbivorentum verleiht der Kuh darüber hinaus ihre "Lässigkeit". Die Kuh auf der Wiese steht im Gegensatz zu vielen anderen Lebewesen mitten in ihrer Nahrungsquelle. Sie lebt im Überfluss und wandert langsam von Grasbüschel zu Grasbüschel, die sie mit ihrer langen Zunge ab rupft. Es ist ein wahres Schlaraffenland, wenn die Wiese im saftigen grün erstrahlt. Die Gewissheit, das es genug zu fressen gibt, verleiht eine gewisse Entspanntheit. Diese Gelassenheit zeigt sich nicht zuletzt darin, das die Kühe wenn sie auf einer großen Fläche weiden, ziellos hin und her wandern um nur ab und an stehen zu bleiben um zu grasen - sehr zum Ärgernis des Bauern, der diesem unökonomischen Treiben ein Ende bereiten muss. Doch das was dem Bauern Arbeit und Stress beschert, ist eigentlich Ausdruck tiefer Entspanntheit.

Trotzdem hatte es die Kuh in der Kulturgeschichte nicht immer leicht. Ihre Gutmütigkeit uns kleinen zerbrechlichen Menschen gegenüber wurde auch skeptisch gesehen und gerade in Zeiten des Aberglaubens, kursierten diverse Geschichten über Verschwörungen und Schrecken im Stall. im Mittelalter hieß es, das Kühe des nachts reden und dem Bauern seinen Sterbetag verraten würden wenn er dabei den Stall betrete. Dahinter steckte sicherlich die Frage warum sich die Kühe eine solche Domestizierung gefallen lassen, obwohl sie aufgrund ihres Körperbaus jeden Menschen in Sekundenschnelle zertrampeln könnten. Doch diese Gutmütigkeit kennt auch ihre Ausnahmen. Du "blöde Kuh" lautet ein populäres Sprichwort, welches bei störrischem Verhalten gern benutzt wird. Das sind die kleinen Ambivalenzen einer großen Erfolgsgeschichte. Letztlich ist die Kuh beliebt als Motiv und als lilafarbene Version Sinnbild für die Erzeugnisse, welche aus ihrer Milch gewonnen werden. Leider erfreuen sich heute allerdings nur noch die Menschen an der Beziehung von Kuh und Mensch. Aus der einstigen Beidseitigkeit ist heute ein einseitiges Ausbeutungverhältnis geworden. Nur wenige Jahre sind den übezüchteten Hochleistungskühen der Milchindustrie vergönnt. Obwohl die Kuh dem Menschen gegenüber ihre körperliche Überlegenheit kaum ausspielt, nutzt der Mensch jede seiner Möglichkeiten von der Züchtung bis zum Stall um seine Dominanz gegenüber dieser zu beweisen.

Wir sollten uns von den Produkten, der Milch dem Fleisch der Kuh trennen und stattdessen die "Idee der Kuh" verinnerlichen. Die Kuh steht für ein Leben im Einklang mit der Erde, eine nötige Entspanntheit im Leben und ein Ideal der Einfachheit. Sie sind die Helden des Absurden. Vor allem kondensiert sich an der Figur der Kuh all das, was uns die Tiere vermeintlich voraus haben. Sie leben vor sich hin, in den Tag hinein ohne Pflichten und Verantwortung. Von dem Aspekt des Lebens im Einklang mit dem Vorhandenem, der Erde, der Sonne und dem Leben kann sich der Mensch etwas abschneiden. Doch menschliches Leben unterscheidet sich durch tierisches wie auch Schopenhauer festhält, im Vorstellen, der Fantasie und der Abstraktion. Ebenso kennt das Tier keine Angst, welche aus dem Spalt zwischen Idealität und Faktizität entsteht. Das tierische Leben ist jedoch eine gute Basis um nach mehr zu streben und wie Sisyphos den Felsen gegen den Berg zu stemmen Schließlich ist es der Kampf gegen Gipfel der das Menschenherz auszufüllen vermag (Albert Camus). Das ist der menschliche, reflektierte Umgang mit dem Absurden. Für das große Herz der Kuh reicht die Wiese, die Sonne und das Wiederkäuen. Vieles fiele eben leichter, könnte man Gras essen (Ernst Bloch).










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